Sie hat sich vorgenommen, heute nicht mehr auf sein WhatsApp-Profil zu schauen. Vier Tage hat er sich nicht gemeldet, ihre letzte Nachricht hat er gelesen, aber nicht beantwortet. Eigentlich weiß sie, dass sie sich mit der ständigen Kontrolle nur verrückt macht. Trotzdem öffnet sie WhatsApp.
Er war vor zwölf Minuten online.
Sofort beginnt das Grübeln. Wenn er Zeit hat, online zu sein, warum antwortet er ihr dann nicht? Hat sie beim letzten Treffen etwas Falsches gesagt? Vielleicht ist er einfach gestresst. Oder er hat inzwischen eine andere kennengelernt.
Sie legt das Handy weg und versucht, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Zehn Minuten später schaut sie wieder nach.
Das Merkwürdige daran ist, dass diese Frau normalerweise ziemlich selbstständig ist. Sie hat Freunde, einen anspruchsvollen Beruf und lässt sich nicht so leicht etwas vormachen. Bei diesem Mann allerdings scheint ihr gesunder Menschenverstand regelmäßig Urlaub zu machen.
Sie ist verliebt, davon ist sie überzeugt. Aber ist es wirklich nur Verliebtheit?
Am Anfang war er ganz anders
Als sie ihn kennenlernte, war er aufmerksam, charmant und witzig. Beim zweiten Treffen redeten sie stundenlang. Er erzählte von seiner Kindheit und davon, wie schwer es ihm nach seiner letzten Beziehung falle, jemandem zu vertrauen. Sie fühlte sich ihm unglaublich nah. Irgendwann nahm er ihre Hand, später küssten sie sich.
Auf dem Heimweg war sie glücklich. Endlich hatte sie jemanden kennengelernt, bei dem alles zu passen schien.
In den nächsten Tagen schrieben sie sich häufig, manchmal telefonierten sie bis spät in die Nacht. Doch irgendwann wurde er zurückhaltender. Seine Antworten kamen später, Treffen wurden verschoben, und als sie ihn darauf ansprach, erklärte er, dass er sie wirklich möge, momentan aber keine feste Beziehung versprechen könne.
„Ich brauche einfach ein bisschen Zeit.“
Sie wollte ihn nicht unter Druck setzen. Schließlich wusste sie, wie schwierig seine letzte Beziehung gewesen war, und sie fand es sogar sympathisch, dass er offenbar nichts überstürzen wollte.
Also gab sie ihm Zeit. Was sie damals noch nicht ahnte: Während sie auf ihn wartete, würde er für sie immer wichtiger werden.
Je weniger er gibt, desto mehr will sie ihn
Anfangs freute sie sich einfach, wenn er schrieb. Inzwischen wartet sie regelrecht auf seine Nachrichten. Meldet er sich, ist der Tag gerettet. Bleibt eine Antwort aus, wird sie unruhig und liest manchmal ihre alten Chats durch, besonders die Nachrichten vom Anfang.
„Ich freue mich wahnsinnig darauf, dich wiederzusehen.“
Diesen Satz hat er vor sechs Wochen geschrieben. Sie liest ihn noch immer gern, weil er sie daran erinnert, wie schön es zwischen ihnen einmal war. Vielleicht ist er tatsächlich nur überfordert. Vielleicht hat er Angst, wieder verletzt zu werden.
Und dann, nach vier Tagen Funkstille, erscheint plötzlich eine Nachricht:
„Hey, sorry, war total viel los. Musste gerade an dich denken 😊“
Ihre Stimmung verändert sich schlagartig. Er hat an sie gedacht! Die Enttäuschung der letzten Tage ist beinahe vergessen. Jetzt überlegt sie, was sie antworten soll. Nicht zu begeistert, sonst wirkt sie bedürftig. Aber auch nicht zu kühl, schließlich möchte sie ihn nicht verlieren.
Eine halbe Stunde später schreibt sie zurück und wartet gespannt auf seine Reaktion.
Eigentlich müsste sie irgendwann genug davon haben. Schließlich bekommt sie von diesem Mann immer weniger von dem, was sie sich wünscht. Doch statt das Interesse zu verlieren, werden ihre Gefühle immer stärker.
Warum Unsicherheit Gefühle verstärken kann
Die amerikanische Psychologin Dorothy Tennov beschäftigte sich bereits in den 1970er-Jahren mit Menschen, die besonders intensive romantische Gefühle erlebten. 1979 veröffentlichte sie ihr Buch Love and Limerence: The Experience of Being in Love und prägte den Begriff Limerenz.
Sie beschrieb Menschen, deren Gedanken ständig um eine bestimmte Person kreisten und die sich nichts sehnlicher wünschten, als dass ihre Gefühle erwidert würden. Eine ihrer wichtigen Beobachtungen war, dass gerade die Ungewissheit diese Sehnsucht verstärken kann.
Bei unserer Frau lässt sich das gut beobachten. Immer wenn sie beschließt, sich emotional etwas zurückzuziehen, meldet er sich wieder. Ein liebevoller Satz reicht, und schon schöpft sie neue Hoffnung.
Dieses Wechselspiel lässt sich teilweise mit der sogenannten intermittierenden Verstärkung erklären. Wenn wir etwas Erwünschtes nur gelegentlich und unvorhersehbar bekommen, können wir besonders hartnäckig versuchen, es erneut zu erhalten.
Unsere Frau bekommt hin und wieder genau das, wonach sie sich sehnt: Aufmerksamkeit, Zuneigung und das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. In diesen Momenten verschwindet ihre Unsicherheit, bis er sich wieder zurückzieht und das Grübeln von vorn beginnt.
Irgendwann wartet sie nicht mehr nur auf seine Nachrichten, weil sie ihn so gern hat. Sie wartet auch darauf, dass die Anspannung endlich aufhört, die sein Schweigen in ihr auslöst.
Sie ist überzeugt, dass er etwas Besonderes ist. Aber was weiß sie wirklich über ihn?
Eines Abends sitzt sie mit ihrer Freundin beim Essen. Natürlich kommen die beiden irgendwann auf ihn zu sprechen.
„Ich verstehe einfach nicht, warum er sich so verhält“, sagt sie. „Wenn wir zusammen sind, ist er ganz anders. So liebevoll und aufmerksam.“
„Wann habt ihr euch denn zuletzt gesehen?“, fragt ihre Freundin.
„Vor drei Wochen.“
„Und davor?“
Sie überlegt. Vor dem letzten Treffen lagen fast zwei Wochen. Aber das sei ja nicht entscheidend, erklärt sie. Als sie zusammen waren, sei es wunderschön gewesen. Er habe sie die ganze Zeit im Arm gehalten, und sie hätten sich so gut unterhalten.
„Was findest du eigentlich so toll an ihm?“
„Er ist unglaublich einfühlsam und intelligent. Ich habe mich selten jemandem so verbunden gefühlt.“
Ihre Freundin schaut sie nachdenklich an. „Aber wenn er so einfühlsam ist, warum lässt er dich dann ständig im Unklaren?“
Darauf hat sie keine richtige Antwort. Stattdessen erzählt sie von seiner schwierigen Kindheit, seiner Exfreundin und davon, dass er wahrscheinlich Angst vor einer neuen Beziehung habe.
All das könnte stimmen. Ihrer Freundin fällt allerdings etwas auf: Sie kann ausführlich erklären, warum er sich möglicherweise so verhält. Weshalb sie selbst dieses Verhalten immer wieder hinnimmt, kann sie dagegen nicht erklären.
Wenn aus wenigen schönen Momenten ein ganz besonderer Mensch wird
Tennov beschrieb ein Phänomen, das sie Crystallization, also Kristallisierung, nannte. Dabei werden die positiven Eigenschaften eines Menschen besonders hervorgehoben, während seine Schwächen an Bedeutung verlieren.
Unsere Frau erinnert sich lebhaft an seine Aufmerksamkeit, die intensiven Gespräche und seine Zärtlichkeit. Diese Erlebnisse waren real, aber sie bekommen in ihrer Vorstellung eine enorme Bedeutung. Seine Unzuverlässigkeit erklärt sie dagegen mit Stress, seine Unentschlossenheit mit früheren Verletzungen und seine Distanz mit Bindungsangst.
Vielleicht stimmt das alles. Vielleicht möchte er aber auch einfach keine Beziehung mit ihr. Diesen Gedanken schiebt sie lieber beiseite, denn dann müsste sie sich ernsthaft damit beschäftigen, ihre Hoffnung aufzugeben.
Inzwischen verbringt sie mehr Zeit damit, über ihn nachzudenken, als tatsächlich mit ihm zusammen zu sein. Sie stellt sich gemeinsame Reisen vor, ein Zusammenleben, vielleicht sogar eine Familie. Dabei weiß sie nicht einmal, ob er sie nächste Woche sehen möchte.
Sie hat bereits eine ziemlich genaue Vorstellung von ihrer gemeinsamen Zukunft. Nur der Mann, der darin die Hauptrolle spielt, hat sich bisher kaum dazu geäußert.
Sie wartet darauf, dass er sie glücklich macht. Dabei macht sie das Warten unglücklich.
Am Anfang hat dieser Mann tatsächlich schöne Gefühle in ihr ausgelöst. Sie freute sich auf die Treffen, genoss seine Aufmerksamkeit und war gespannt darauf, ihn besser kennenzulernen.
Inzwischen sieht ihr Alltag anders aus. Sie schläft schlechter, kontrolliert ständig ihr Handy und kann sich manchmal kaum auf ihre Arbeit konzentrieren. Sobald er sich meldet, ist die Anspannung wie weggeblasen.
Diese Erleichterung kann sich so intensiv anfühlen, dass sie sie möglicherweise mit dem Glück verwechselt, das sie zu Beginn ihrer Bekanntschaft erlebt hat.
Denn seine Nachricht bedeutet zunächst einmal, dass die quälende Ungewissheit für einen Moment vorbei ist. Doch schon bei der nächsten ausbleibenden Antwort beginnt sie wieder, sich Gedanken zu machen.
So entsteht ein Kreislauf, in dem seine Zuwendung immer wichtiger wird, weil sie die unangenehmen Gefühle vorübergehend beendet, die seine Unzuverlässigkeit mit auslöst.
Sie glaubt, sie brauche mehr von seiner Zuwendung, um endlich wieder glücklich zu sein. Dabei verursacht die Unsicherheit über seine Zuwendung inzwischen einen großen Teil ihres Unglücks.
Die zwölf Merkmale der Limerenz nach Dorothy Tennov
Tennov beschrieb zwölf charakteristische Merkmale:
- Aufdringliche Gedanken: Ständiges Denken an diese Person.
- Sehnsucht nach Erwiderung: Der intensive Wunsch, zurückgeliebt zu werden.
- Emotionale Abhängigkeit: Die Stimmung hängt stark von ihrem Verhalten ab.
- Fixierung: Kaum Interesse an anderen potenziellen Partnern.
- Fantasien: Wiederkehrende Vorstellungen einer gemeinsamen Zukunft.
- Angst vor Zurückweisung: Starke Unsicherheit gegenüber möglicher Ablehnung.
- Hindernisse: Schwierigkeiten können die Sehnsucht verstärken.
- Überinterpretation: Kleine Gesten werden als Liebeszeichen gedeutet.
- Körperliche Reaktionen: Beklemmung oder Schmerzen in der Brust bei Unsicherheit.
- Euphorie: Übermäßige Freude bei vermuteter Erwiderung.
- Vernachlässigung: Andere Interessen treten in den Hintergrund.
- Idealisierung: Schwächen der Person werden heruntergespielt.
Sinngemäße Zusammenfassung nach Tennov, keine diagnostische Checkliste. Limerenz ist keine eigenständige anerkannte psychische Diagnose.
Was hat das mit dem Selbstwert zu tun?
Unsere Frau fragt sich inzwischen selbst, warum sie sich so sehr an diesen Mann klammert. Schließlich kann sie in anderen Lebensbereichen durchaus Grenzen setzen und weiß normalerweise ziemlich genau, was sie möchte.
Eine mögliche Erklärung liegt darin, welche Bedeutung seine Zuwendung für sie bekommen hat.
Vielleicht denkt sie nicht mehr nur: „Schade, dass er keine Beziehung mit mir möchte.“ Vielmehr beschäftigt sie die Frage, warum sie ihm offenbar nicht wichtig genug ist. Ist sie nicht attraktiv genug? Nicht interessant genug? Was hat eine andere Frau, das sie nicht hat?
Wenn er sich schließlich doch für sie entscheiden würde, könnte sich das wie ein Beweis anfühlen, dass sie liebenswert ist. Eine endgültige Zurückweisung dagegen würde sie möglicherweise als persönliches Versagen erleben.
Solche Zusammenhänge können bei Menschen auftreten, deren Selbstwert stark von der Bestätigung anderer abhängt. Auch Bindungsmuster und frühere Beziehungserfahrungen können eine Rolle spielen. Allerdings hat nicht jeder Mensch, der Limerenz erlebt, einen niedrigen Selbstwert oder eine schwierige Kindheit. Die Ursachen sind unterschiedlich und lassen sich aus dem Verhalten allein nicht zuverlässig ableiten.
Die Trauer um einen Verlust, den es noch gar nicht gegeben hat
Unsere Frau stellt sich seit Monaten vor, wie es wäre, wenn er endlich eine Beziehung mit ihr eingehen würde. Sie denkt an gemeinsame Reisen, gemütliche Sonntage im Bett und an all die Dinge, die sie gerne mit einem Partner erleben möchte.
Dabei haben die beiden noch keinen einzigen gewöhnlichen Sonntag miteinander verbracht. Ob sie im Alltag überhaupt gut zusammenpassen, wissen sie nicht.
Trotzdem fürchtet sie, ihn zu verlieren. Und möglicherweise geht es dabei um mehr als um den Mann selbst. Denn mit ihm würde sie auch die gemeinsame Zukunft verlieren, die in ihrer Vorstellung existiert.
Man kann um eine Zukunft trauern, die man nie erlebt hat.
Je mehr Hoffnung, Sehnsucht und Fantasie man in diese Zukunft investiert hat, desto schwerer kann es sein, sich von ihr zu verabschieden.
Warum Einsicht oft nicht reicht
Unsere Frau erkennt inzwischen, dass sie ihn idealisiert. Sie weiß, dass sie sich eine Beziehung wünscht, die ganz anders aussieht als das, was zwischen ihnen tatsächlich stattfindet. Dennoch vermisst sie ihn und hofft weiterhin, dass sich etwas verändert.
Dazu kommt, dass sie ihre Fixierung durch das ständige Kontrollieren seiner Onlineaktivität, das Lesen alter Nachrichten und ihre Fantasien möglicherweise selbst aufrechterhält.
Verhaltenstherapeutische Ansätze können dabei helfen, solche Gewohnheiten zu verändern und die damit verbundene Unsicherheit besser auszuhalten. Wichtig ist auch, die eigenen Gedanken zu hinterfragen.
Dass er seit vier Tagen nicht geschrieben hat, ist eine Beobachtung. Dass er Angst vor seinen Gefühlen hat, ist dagegen eine Vermutung. Und die Schlussfolgerung, dass sie ihm offenbar nicht gut genug sei, sagt zunächst etwas über ihre Interpretation aus, nicht über ihren tatsächlichen Wert.
Solche Unterschiede zu erkennen kann helfen, die Situation realistischer einzuschätzen. Allerdings verschwinden intensive Gefühle nicht unbedingt, nur weil man sie verstanden hat.
Wie endet Limerenz? Drei Möglichkeiten nach Dorothy Tennov
Tennov beschrieb drei typische Verlaufsformen:
1. Die Hoffnung stirbt – Starvation
Die andere Person weist die Gefühle eindeutig zurück oder es wird klar, dass es keine gemeinsame Zukunft geben wird. Wenn die Hoffnung dauerhaft verschwindet, kann auch die Limerenz allmählich abklingen.
2. Ein anderer Mensch tritt ins Leben – Transference
Die romantische Fixierung verlagert sich auf jemanden Neues, während die bisherige Person an Bedeutung verliert. Allerdings kann sich dabei dasselbe Muster wiederholen.
3. Die Gefühle werden erwidert – Consummation
Es entsteht eine tatsächliche Beziehung, und die Unsicherheit lässt nach. Manchmal entwickelt sich daraus eine stabile Liebe, manchmal verschwindet mit der Ungewissheit auch ein großer Teil der Faszination.
Das sind von Tennov beschriebene Verlaufsformen, keine statistischen Aussagen darüber, welcher Ausgang am häufigsten ist.
Und was davon ist jetzt Liebe?
Limerenz und Liebe schließen sich nicht gegenseitig aus. Eine intensive Verliebtheit kann der Anfang einer wunderbaren Beziehung sein. Sie kann sich aber auch auf einen Menschen richten, den man kaum kennt und mit dem eine Partnerschaft möglicherweise überhaupt nicht funktionieren würde.
Die Stärke unserer Gefühle sagt deshalb wenig darüber aus, ob zwei Menschen tatsächlich zusammenpassen.
Vielleicht wird unsere Frau irgendwann mit dem Mann zusammenkommen, vielleicht lernt sie jemand anderen kennen oder verliert ihre Hoffnung, weil sie erkennt, dass er ihre Gefühle nicht erwidert. Wir wissen es nicht.
Aber unabhängig davon, wie ihre Geschichte ausgeht, bleibt eine interessante Frage:
Wie viel von ihrer Sehnsucht gilt eigentlich dem Mann, den sie tatsächlich kennt – und wie viel der Hoffnung, endlich das von ihm zu bekommen, worauf sie schon so lange wartet?
Gerade wenn ein Mensch in den eigenen Gedanken immer größer wird, während er im wirklichen Leben kaum noch vorkommt, lohnt es sich, darüber nachzudenken.
Literatur
Dorothy Tennov (1979): Love and Limerence: The Experience of Being in Love. Stein and Day.
Die Geschichte ist ein fiktives Beispiel zur Veranschaulichung psychologischer Zusammenhänge und kein tatsächlicher Coachingfall.