Echte Fälle

Ich wollte unbedingt, dass er mich liebt. Dabei war ich mit ihm gar nicht glücklich.

Ineinandergelegte Hände in den Ärmeln eines weißen Strickpullovers

Manchmal merkt man erst im Rückblick, wie paradox man sich in einer Beziehung verhalten hat. Eine Frau schilderte mir in ihrer Geschichte, wie sie fast ein Jahr lang um einen Mann kämpfte, mit dem sie eigentlich gar nicht besonders glücklich war. Heute schämt sie sich für vieles, was damals passiert ist. Vor allem aber hat sich ihr Blick darauf verändert, wer für das ganze Elend eigentlich verantwortlich war.

Eine Affäre, die völlig anders verlief als geplant

Anfangs war sie diejenige gewesen, die ausschließlich Sex wollte. Keine Beziehung, keine Verpflichtungen. Er war damit einverstanden, auch wenn es ihm zunächst schwerfiel, sich auf die körperliche Nähe einzulassen.

Mit der Zeit wurde der Sex wunderbar. Sie fand ihn unglaublich anziehend, genoss seinen trainierten, männlichen Körper und das Gefühl, sich bei ihm so weiblich und begehrenswert zu fühlen. Irgendwann sagte er während des Sex sogar, dass er verliebt sei. Zunächst wehrte sie sich innerlich gegen solche Gefühle, aber irgendwann wollte sie mehr. Gemeinsam Kaffee trinken, spazieren gehen, einen Tag am See verbringen und vielleicht doch eine richtige Beziehung führen.

Er ließ sich durchaus auf gemeinsame Unternehmungen ein, machte ihr kleine Aufmerksamkeiten und brachte sogar ihrem Hund kleine Geschenke mit. Trotzdem blieb er emotional zurückhaltend. Er hatte ihr von früheren Verletzungen erzählt und gesagt, dass er eine Mauer aufgebaut habe und nicht bereit für eine Beziehung sei. Außerdem arbeitete er viel und wohnte noch mit seiner Ex zusammen, der er weiterhin regelmäßig half.

Je weniger Nähe sie von ihm bekam, desto mehr versuchte sie, ihn von sich zu überzeugen. Sie kochte für ihn, machte sich besonders hübsch, organisierte ein Wochenende in Italien und bastelte ihm einen Adventskalender mit täglichen Komplimenten. Gleichzeitig wurde sie immer unzufriedener, weil sie sich mehr Zeit und Aufmerksamkeit wünschte. Besonders seine Ex machte sie eifersüchtig. Sie war häufig traurig, beleidigt oder wütend, und irgendwann bestanden ihre Treffen zunehmend auch aus Diskussionen darüber, was ihr alles fehlte.

Zweimal wollte sie die Affäre beenden. Aber sobald sie sich zum Reden trafen und er sie küsste, war ihre Entschlossenheit dahin. Die Angst, ihn zu verlieren, war für einen Moment verschwunden.

Dabei gab es einen ziemlich erstaunlichen Widerspruch: Außerhalb des Bettes fand sie diesen Mann häufig langweilig. Die Gespräche waren wenig anregend, gemeinsame Unternehmungen längst nicht immer besonders schön, und emotional fühlte sie sich mit ihm oft einsam. Trotzdem wollte sie immer mehr von seiner Zeit.

Sie hatte beispielsweise lange darum gekämpft, dass er endlich einmal bei ihr übernachtete. Als er es schließlich tat, war sie genervt und fühlte sich noch genauso einsam wie vorher. Auch zwei Wochen bei ihren Eltern brachten eine überraschende Erfahrung. Er hatte vorher gesagt, sie müssten sich ja nicht jeden Tag schreiben, was sie als furchtbare Zurückweisung empfand. Doch der Abstand tat ihr gut, und ausgerechnet jetzt schrieb er ihr beinahe täglich.

Nach ungefähr einem Jahr war sie emotional völlig erschöpft. Sie hatte viel geweint, gegrübelt und gestritten, und ihre Stimmung hing fast nur noch davon ab, wie viel Zuneigung er ihr gerade zeigte. Als er sich schließlich mehr auf sie zubewegte, empfand sie große Erleichterung, weil sie endlich das Gefühl hatte, dass er sie wirklich wollte. Gleichzeitig merkte sie, dass sie selbst keine Lust mehr auf diese Beziehung hatte.

Sie beendete die Affäre. Heute schämt sie sich für ihr damaliges Verhalten und fragt sich, wie sie so lange in dieser Situation bleiben konnte.

Ihre Angst sah von außen oft wie Wut aus

Was mich an dieser Geschichte besonders interessiert, ist, wie unterschiedlich sich Angst zeigen kann. Wir denken dabei häufig an jemanden, der weint, sich zurückzieht oder verzweifelt um Nähe bittet. Aber Angst kann auch ziemlich unangenehme Formen annehmen.

Bei dieser Frau wurde sie häufig zu Wut, Eifersucht, Vorwürfen und Druck. Wenn er keine Zeit hatte, fühlte sie sich unwichtig. Wenn er seiner Ex half, befürchtete sie, dass diese Frau ihm mehr bedeutete als sie selbst. Und wenn er nicht bei ihr übernachten wollte, empfand sie das als persönliche Zurückweisung.

Das macht ihr Verhalten verständlicher, aber deshalb war es noch lange nicht fair.

Für ihn könnte diese Beziehung zunehmend anstrengend gewesen sein. Was immer er gab, es reichte offenbar nicht. Wenn er Zeit mit ihr verbrachte, wollte sie mehr, und wenn er seine Grenzen setzte, reagierte sie verletzt oder wütend.

Das Gemeine daran ist, dass jemand mit starker Verlustangst oft gar nicht bemerkt, wie viel Druck er ausübt. Er erlebt sich selbst als denjenigen, der leidet, während der Partner scheinbar die Macht hat, dieses Leiden zu beenden. Er müsste schließlich nur öfter schreiben, mehr Zeit haben, liebevoller sein oder endlich eine verbindliche Beziehung wollen. Dann wäre alles gut.

Nur hält die Beruhigung durch solche Bestätigungen oft nicht lange an, wenn dahinter die Befürchtung steckt, nicht liebenswert genug zu sein. Kaum ist ein Wunsch erfüllt, taucht die nächste Unsicherheit auf. Die Geschichte mit der Übernachtung zeigt das besonders deutlich.

Wenn Verlustangst auf Rückzug trifft

In der Bindungspsychologie wird häufig zwischen sicheren, ängstlichen und vermeidenden Bindungsmustern unterschieden. Diese Einteilung beschreibt typische Strategien, mit denen Menschen auf Nähe, Unsicherheit und mögliche Zurückweisung reagieren. Sie ist allerdings keine starre Einteilung in drei Sorten Menschen.

Bei einem eher ängstlichen Bindungsmuster kann schon eine kleine Veränderung im Verhalten des Partners starke Unsicherheit auslösen. Eine ausbleibende Nachricht, ein abgesagtes Treffen oder der Wunsch nach einem Abend allein wird dann möglicherweise als Zeichen interpretiert, dass die Gefühle nachlassen. Um sich wieder sicher zu fühlen, wird mehr Nähe gesucht, häufiger nachgefragt oder gekränkt reagiert. Manchmal wird sogar eine Trennung angekündigt, obwohl man genau das am meisten fürchtet, möglicherweise in der Hoffnung, dass der andere endlich zeigt, wie wichtig man ihm ist.

Bei Menschen mit eher vermeidenden Strategien kann es genau umgekehrt sein. Wenn Erwartungen und emotionale Ansprüche zunehmen, entsteht möglicherweise das Bedürfnis nach Abstand. Nähe kann als Einengung erlebt werden, und erst wenn der Druck nachlässt, fällt es wieder leichter, auf den anderen zuzugehen.

So können sich beide gegenseitig in ihren Verhaltensweisen bestärken. Je mehr einer klammert, desto stärker zieht sich der andere zurück, wodurch die Verlustangst noch größer wird.

In dieser Geschichte erinnert das Verhalten der Frau deutlich an eine ängstliche Bindungsstrategie. Ob der Mann tatsächlich eher vermeidend gebunden war, lässt sich aus ihrer Schilderung nicht beurteilen. Vielleicht wollte er schlicht keine feste Beziehung, und das hatte er ihr schließlich auch gesagt. Dass er mehr Nähe zuließ, sobald sie sich zurückzog, könnte ebenso damit zusammenhängen, dass er sich dann weniger unter Druck fühlte.

Lange war er in ihren Augen der Schuldige

Während der Affäre war die Frau oft überzeugt, dass er sich falsch verhielt. Sie war sauer auf ihn, hielt ihn zeitweise für einen ziemlichen Arsch und fand es ungerecht, dass er ihr nicht gab, was sie sich so sehr wünschte.

Aus ihrer damaligen Sicht war das nachvollziehbar. Sie litt schließlich wirklich, und seine Zurückhaltung löste immer wieder schmerzhafte Gefühle aus. Was sie dabei kaum hinterfragte, war ihre Erwartung, dass er diese Gefühle durch sein Verhalten beseitigen müsse.

Er hatte ihr gesagt, dass er nicht bereit für eine Beziehung war. Trotzdem behandelte sie seine Zurückhaltung zunehmend wie ein Problem, das er gefälligst lösen sollte. Sie wollte, dass er sich veränderte, und wurde wütend, wenn er es nicht tat.

Gleichzeitig ignorierte sie ihre eigene Unzufriedenheit. Sie hätte sich fragen können, weshalb sie so viel Energie in einen Mann investierte, mit dem sie sich häufig langweilte und einsam fühlte. Stattdessen kreisten ihre Gedanken fast ausschließlich darum, wie sie ihn dazu bringen könnte, sie mehr zu lieben.

Sie konnte nicht bestimmen, ob er eine Beziehung wollte, aber sie hätte entscheiden können, ob sie unter diesen Bedingungen bleiben wollte. Eine Trennung hätte jedoch bedeutet, die Möglichkeit auszuhalten, dass er sie nicht zurückhaben wollte. Für sie wäre das damals die Bestätigung gewesen, nicht gut genug zu sein.

Also blieb sie lieber unglücklich, als sich dieser Angst zu stellen.

Heute erkennt sie, dass sie selbst einen erheblichen Anteil an der Dynamik hatte. Sie hatte mit Forderungen und Vorwürfen versucht, ihre Unsicherheit in den Griff zu bekommen, und dabei seine Grenzen ebenso wenig akzeptiert wie ihre eigenen Bedürfnisse ernst genommen.

Das bedeutet nicht, dass sein Verhalten für sie immer angenehm oder widerspruchsfrei war. Auch seine Signale konnten Hoffnungen wecken, besonders wenn er ihr seine Verliebtheit gestand oder sich nach ihrem Rückzug wieder stärker annäherte. Aber sie kann heute unterscheiden zwischen dem, was er tatsächlich getan hat, und dem, was sie daraus über ihren eigenen Wert abgeleitet hat.

Warum das kein ungewöhnlicher Einzelfall ist

Solche Muster begegnen uns in Beziehungen immer wieder, wenn auch in ganz unterschiedlichen Formen. Da ist beispielsweise jemand, der ständig fragt, ob noch alles in Ordnung ist, und sich wundert, warum der Partner irgendwann genervt reagiert. Oder jemand, der beleidigt ist, wenn der andere einen Abend mit Freunden verbringen möchte, weil sich dahinter sofort die Angst meldet, weniger wichtig zu sein.

Manchmal wird aus dieser Angst Kontrolle, manchmal Eifersucht, manchmal übertriebene Fürsorglichkeit. Und manchmal versucht jemand durch besonders viel Liebe, Aufmerksamkeit und Anpassung sicherzustellen, dass der andere bloß keinen Grund hat, ihn zu verlassen.

Das Schwierige daran ist, dass die betroffene Person ihre Angst häufig als Reaktion auf das Verhalten des Partners erlebt. Deshalb erscheint es ihr nur logisch, dass auch der Partner etwas ändern muss. Den eigenen Beitrag zur angespannten Beziehung erkennt sie oft erst später.

Und genau hier liegt die Verantwortung, die diese Frau heute bei sich selbst sieht. Sie konnte ihre Angst damals nicht einfach abschalten. Aber sie hätte lernen können, ihre Befürchtungen zu hinterfragen, unangenehme Gefühle auszuhalten und zu akzeptieren, dass ein anderer Mensch nicht verpflichtet ist, ihr durch seine Liebe den eigenen Wert zu bestätigen.

Dass sie die Affäre schließlich beendet hat, bedeutet noch nicht, dass dieses Muster vollständig verschwunden ist. Dazu müsste sie auch verstehen, weshalb es sich für sie so bedrohlich anfühlt, nicht gewählt zu werden, und lernen, mit dieser Unsicherheit anders umzugehen.

Vielleicht ist deshalb die wichtigste Erkenntnis aus ihrer Geschichte, dass sie ein ganzes Jahr lang versucht hat, von diesem Mann die Antwort auf eine Frage zu bekommen, die er ihr gar nicht beantworten konnte: Bin ich gut genug?

Denn selbst als er sich schließlich mehr für sie interessierte, blieb das, was sie an ihrer Verbindung unglücklich gemacht hatte, bestehen.

Sie hatte so sehr darum gekämpft, dass er sich für sie entscheidet, dass sie beinahe vergessen hatte, selbst eine Entscheidung zu treffen.