„Kannst du am Samstag auf die Kinder aufpassen? Wir würden gerne mal wieder etwas zu zweit unternehmen.“
Du hast selbst eine anstrengende Woche hinter dir. Eigentlich wolltest du am Samstag ausschlafen, ein bisschen lesen und endlich einmal nichts vorhaben. Also sagst du Nein.
Deine Schwester antwortet nur: „Okay, schade.“
Zwei harmlose Worte. Trotzdem beschäftigen sie dich den halben Abend.
War sie enttäuscht? Hätte ich vielleicht doch zusagen sollen? So oft fragt sie schließlich nicht. Und eigentlich habe ich ja nichts Wichtiges vor.
Eine Stunde später schreibst du ihr, dass du es vielleicht doch einrichten kannst.
Deine Schwester hat dich weder unter Druck gesetzt noch dir Vorwürfe gemacht. Das hast du schon selbst erledigt.
Warum fühlt sich ein Nein manchmal so falsch an?
Interessant ist, dass du dich nicht unbedingt schuldig fühlst, weil du etwas falsch gemacht hast. Du fühlst dich schuldig, weil jemand anderes möglicherweise enttäuscht ist.
Und diese Enttäuschung hältst du nur schwer aus.
Vielleicht kennst du das aus anderen Situationen. Eine Freundin möchte sich treffen, aber du hast keine Lust. Dein Partner möchte etwas unternehmen, du brauchst Ruhe. Eine Kollegin bittet dich, ihre Arbeit zu übernehmen, obwohl dein eigener Schreibtisch voll ist.
Du könntest Nein sagen. Niemand hat einen Anspruch darauf, dass du ständig verfügbar bist. Trotzdem suchst du nach einer Begründung, die möglichst niemanden verärgert.
Am liebsten wäre dir eine richtig gute Ausrede. Ein wichtiger Termin, eine Verpflichtung, irgendetwas, gegen das niemand etwas einwenden kann.
Einfach zu sagen, dass du nicht möchtest, kommt dir dagegen beinahe unverschämt vor.
Dabei verrät diese Suche nach einer wasserdichten Begründung recht viel: Offenbar reicht dir dein eigener Wunsch als Grund nicht aus.
Wie wir lernen, für die Gefühle anderer verantwortlich zu sein
Manche Kinder wachsen mit der Erfahrung auf, dass ihre Bedürfnisse wenig Platz haben, sobald jemand anderes etwas möchte.
Vielleicht war deine Mutter enttäuscht, wenn du lieber mit Freundinnen unterwegs sein wolltest, statt Zeit mit ihr zu verbringen. Vielleicht hieß es regelmäßig: „Nach allem, was wir für dich getan haben!“ Oder du wurdest als egoistisch bezeichnet, wenn du etwas nicht teilen oder bei einer Familienfeier nicht mitmachen wolltest.
Es muss nicht einmal ausgesprochen werden. Kinder nehmen auch wahr, wenn ein Elternteil beleidigt schweigt, traurig wird oder sich zurückzieht.
Wer solche Reaktionen häufig erlebt, kann anfangen, das eigene Verhalten danach auszurichten, wie es den anderen geht.
Die Mutter ist zufrieden, wenn ich mitmache. Der Vater ist weniger gereizt, wenn ich keinen Ärger verursache. Alle sind glücklich, wenn ich unkompliziert bin.
So kann aus Rücksichtnahme irgendwann die Überzeugung werden, für die Stimmung anderer verantwortlich zu sein.
Natürlich haben wir alle Verantwortung dafür, wie wir miteinander umgehen. Wenn du jemanden schlecht behandelst, darf er verletzt sein und du solltest dich damit auseinandersetzen.
Aber dass jemand enttäuscht ist, weil du einen eigenen Wunsch hast, macht deinen Wunsch noch lange nicht falsch.
Warum du dich selbst übergehst, obwohl niemand dich zwingt
Zurück zu deiner Schwester.
Sie möchte einen schönen Abend mit ihrem Partner verbringen. Du möchtest einen freien Samstag. Zwei nachvollziehbare Wünsche, die sich diesmal nicht miteinander vereinbaren lassen.
Eigentlich wäre die Angelegenheit damit erledigt.
Nur hast du gelernt, dass die Enttäuschung eines anderen etwas über dich aussagt. Vielleicht bist du keine gute Schwester. Vielleicht bist du egoistisch. Vielleicht denkt sie beim nächsten Mal, dass sie sich auf dich nicht verlassen kann.
Also gibst du nach.
Kurz darauf fühlst du dich erleichtert. Deine Schwester freut sich, die unangenehme Stimmung in deinem Kopf verschwindet und alles scheint wieder in Ordnung zu sein.
Bis Samstag.
Während du mit den Kindern spielst, bist du müde und innerlich genervt. Du ärgerst dich über deine Schwester, obwohl sie deine ursprüngliche Absage akzeptiert hatte.
Das ist der unangenehme Teil solcher Situationen: Manchmal erwarten wir von anderen Rücksicht auf Grenzen, die wir selbst gar nicht vertreten haben.
Was Schuldgefühle mit deinem Selbstwert zu tun haben
Wenn du dich vor allem dann als guten Menschen erlebst, wenn andere mit dir zufrieden sind, wird ein Nein schnell zur Bedrohung für dein Selbstbild.
Du möchtest eine hilfsbereite Freundin, eine liebevolle Partnerin oder eine zuverlässige Tochter sein. Daran ist nichts verkehrt. Problematisch wird es, wenn du glaubst, diese Eigenschaften ständig beweisen zu müssen.
Dann reicht eine enttäuschte Reaktion aus, um an dir selbst zu zweifeln.
Dabei kann eine gute Freundin gelegentlich keine Zeit haben. Eine liebevolle Partnerin kann etwas anderes wollen als ihr Partner. Und eine erwachsene Tochter muss nicht sämtliche Erwartungen ihrer Eltern erfüllen, um eine gute Tochter zu sein.
Das klingt selbstverständlich. Bis jemand enttäuscht vor dir steht und du plötzlich das Gefühl bekommst, ein schlechter Mensch zu sein.
Gerade in engen Beziehungen fällt es oft schwer, zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen des anderen zu unterscheiden. Schließlich möchtest du den Menschen, die du liebst, keine Schmerzen bereiten.
Nur lässt sich das nicht immer verhindern. Und manchmal musst du dich entscheiden, ob du deine eigenen Wünsche ernst nimmst oder sie wieder einmal hinten anstellst.
Wie werde ich dieses schlechte Gewissen los?
Vielleicht hoffst du, irgendwann Nein sagen zu können, ohne dich dabei schuldig zu fühlen. Dann wäre die Sache endlich einfach. Nur funktioniert Veränderung häufig andersherum. Du musst zunächst lernen, das schlechte Gewissen auszuhalten, statt ihm jedes Mal nachzugeben.
Schauen wir noch einmal auf die Situation mit deiner Schwester. Du hast abgesagt und fühlst dich schuldig. Sofort meldet sich der Gedanke: Jetzt hält sie mich bestimmt für egoistisch.
Aber stimmt das überhaupt? Deine Schwester hat lediglich „Okay, schade“ geschrieben. Dass sie dich für egoistisch hält, ist deine Vermutung. Und selbst wenn sie enttäuscht ist, bedeutet das noch lange nicht, dass du etwas falsch gemacht hast.
In der Verhaltenstherapie arbeitet man unter anderem damit, solche automatischen Gedanken zu überprüfen und eingefahrene Verhaltensweisen bewusst zu verändern.
Du könntest dir beispielsweise vornehmen, deine Absage diesmal nicht zurückzunehmen. Vorher überlegst du, was du befürchtest: Wird deine Schwester sauer sein? Sich tagelang nicht melden? Dich beim nächsten Mal nicht mehr fragen?
Dann wartest du ab, was tatsächlich passiert.
Vielleicht schreibt sie dir am nächsten Tag ganz normal. Vielleicht ist sie tatsächlich etwas enttäuscht, aber eure Beziehung nimmt deshalb keinen Schaden. Oder sie macht dir Vorwürfe. Auch das wäre eine Erfahrung, mit der du dich auseinandersetzen kannst.
Entscheidend ist, dass du nicht sofort wieder Ja sagst, nur um dieses unangenehme Gefühl loszuwerden.
Denn genau dadurch hält sich das Muster so hartnäckig: Jedes Mal, wenn du nachgibst, verschwindet dein schlechtes Gewissen. Zumindest vorübergehend. Dein Kopf lernt daraus, dass Nachgeben offenbar die beste Lösung ist.
Wenn du dagegen bei deinem Nein bleibst, kannst du etwas Neues erfahren. Vielleicht merkst du, dass andere Menschen mit deiner Absage viel besser zurechtkommen, als du erwartet hast. Vielleicht stellst du aber auch fest, dass du ihre Enttäuschung aushalten kannst, ohne dich dafür verantwortlich machen zu müssen.
Natürlich solltest du dabei ehrlich prüfen, ob du tatsächlich eine Verpflichtung verletzt oder jemanden unfair behandelt hast. Manchmal ist ein schlechtes Gewissen durchaus angebracht. Schließlich kann man sich nicht mit dem Hinweis auf persönliche Grenzen aus jeder Verantwortung verabschieden.
Aber wenn du lediglich einen eigenen Wunsch ernst genommen hast, musst du ihn nicht zurücknehmen, nur weil jemand anders lieber eine andere Antwort gehört hätte.
Und vielleicht sitzt du beim nächsten Mal tatsächlich gemütlich auf deinem Sofa, während deine Schwester sich einen anderen Babysitter organisiert. Das schlechte Gewissen wird sich womöglich noch melden. Aber du musst nicht jedes Mal auf es hören.