Sie hat den Brief dreimal überarbeitet. Ein paar Sätze gestrichen, andere ausführlicher erklärt. Besonders die Stellen, an denen sie ihrem Vater sagt, wie sehr sie sein Verhalten verletzt hat. Sie möchte schließlich keinen Streit. Sie möchte, dass er sie versteht.
Also schreibt sie vorsichtig. Sie betont, dass sie ihm keine Vorwürfe machen will, dass sie seine Sicht durchaus nachvollziehen kann und dass es ihr nur darum geht, ihre Gefühle mitzuteilen.
Eigentlich könnte sie schreiben: „Papa, es tut mir weh, dass du mir nicht zuhörst. Ich wünsche mir, dass du mich ernst nimmst.“
Aber das erscheint ihr zu direkt. Was, wenn er sich angegriffen fühlt? Was, wenn er wieder wütend wird?
Am Ende ist aus diesen zwei Sätzen eine seitenlange Erklärung geworden.
Und trotzdem passiert genau das, was sie vermeiden wollte. Ihr Vater reagiert abwehrend, macht Gegenvorwürfe und geht kaum auf das ein, was sie ihm eigentlich sagen wollte.
Sie ist enttäuscht. Und beginnt darüber nachzudenken, was sie beim nächsten Mal besser formulieren könnte.
Genau hier wird es interessant.
Warum glauben wir, dass wir uns nur besser erklären müssen?
Wenn ein Gespräch schiefläuft, ist es vernünftig, sich zu fragen, ob man etwas missverständlich ausgedrückt hat. Vielleicht hat der andere tatsächlich etwas falsch verstanden.
Aber was, wenn du immer wieder dasselbe erlebst? Du erklärst deine Gefühle, bekommst Vorwürfe zurück und überlegst anschließend, wie du sie noch verständlicher machen könntest.
Irgendwann lohnt sich eine andere Frage: Weshalb beschäftigst du dich eigentlich so intensiv mit deinen Formulierungen und so wenig mit der Möglichkeit, dass dein Gegenüber dich gar nicht verstehen möchte oder gerade nicht dazu in der Lage ist?
Bei der Frau aus unserem Beispiel ging es um weit mehr als ein misslungenes Gespräch. Sie wünschte sich schon lange Anerkennung, Liebe und das Gefühl, von ihrem Vater gesehen zu werden. Gleichzeitig hatte sie Angst vor seiner Zurückweisung.
Und genau diese Angst beeinflusste, wie sie mit ihm sprach.
Sie versuchte, ihre Gefühle so vorsichtig zu verpacken, dass er möglichst keinen Grund hatte, ablehnend zu reagieren. Doch damit übernahm sie eine Verantwortung, die sie gar nicht tragen konnte: die Verantwortung für seine Reaktion.
Wenn Rechtfertigen zur Gewohnheit wird
Solche Muster können früh entstehen. Vielleicht musstest du als Kind immer gute Gründe liefern, wenn du etwas nicht wolltest. Vielleicht wurde deine Traurigkeit als Überempfindlichkeit abgetan oder deine Wut als Respektlosigkeit.
Du hast gelernt, dass es nicht ausreicht, etwas zu fühlen oder zu wollen. Du musst auch erklären können, warum.
Und möglichst so, dass niemand enttäuscht, verärgert oder verletzt ist.
Das kann erstaunlich lange funktionieren. Manche Menschen entwickeln ein regelrechtes Talent dafür, schwierige Gespräche vorauszudenken. Sie kennen bereits sämtliche Einwände, bevor der andere überhaupt den Mund aufgemacht hat.
Nur wird aus dieser Vorsicht irgendwann eine ziemliche Anstrengung.
Du sagst eine Einladung ab und erklärst vorsorglich deine gesamte Wochenplanung. Du äußerst Kritik und schiebst gleich hinterher, dass du es wirklich nicht böse meinst. Oder du entschuldigst dich für deine Gefühle, obwohl du niemandem etwas getan hast.
Dahinter kann die Überzeugung stecken, dass du erst dann im Recht bist, wenn der andere deine Gründe akzeptiert.
Und damit bekommt seine Meinung ein enormes Gewicht.
Was hat das mit deinem Selbstwert zu tun?
Stell dir vor, du sagst einer Freundin, dass dich etwas verletzt hat. Sie sieht die Situation völlig anders und findet deine Reaktion übertrieben.
Natürlich ist das unangenehm. Vielleicht ärgerst du dich oder bist enttäuscht.
Wenn du deiner eigenen Wahrnehmung vertraust, kannst du trotzdem bei deinem Gefühl bleiben. Du hörst dir ihre Sicht an, prüfst vielleicht auch, ob du etwas falsch verstanden hast, und ihr müsst am Ende keineswegs einer Meinung sein.
Wenn du dagegen ohnehin häufig an dir zweifelst, kann dieselbe Reaktion etwas ganz anderes auslösen.
Plötzlich fragst du dich, ob du tatsächlich überempfindlich bist. Du suchst nach weiteren Beispielen, erklärst die Situation noch einmal und versuchst, sie davon zu überzeugen, dass deine Verletzung berechtigt ist.
Du brauchst ihre Zustimmung, um wieder sicherer zu werden.
Das Problem dabei: Je mehr du versuchst, jemanden zu überzeugen, desto stärker machst du dein eigenes Urteil von seiner Reaktion abhängig.
Und wenn dein Gegenüber nicht einlenkt, fühlst du dich am Ende womöglich noch unsicherer als vorher.
Was passiert, wenn du aufhörst, dich zu rechtfertigen?
Kommen wir zurück zu der Frau und ihrem Vater.
Im Coaching wurde deutlich, dass sie sich seit Jahren etwas von ihm wünschte, das sie durch ihre ausführlichen Erklärungen nicht bekam: Anerkennung für ihre Gefühle.
Mit der Methode der radikalen Ehrlichkeit lässt sich an einer solchen Stelle etwas verändern.
Statt weiter darüber nachzudenken, wie sie ihre Botschaft überzeugender formulieren könnte, richtet sich die Aufmerksamkeit darauf, was tatsächlich in ihr vorgeht.
Etwa: „Ich wünsche mir so sehr, dass du mich verstehst. Und ich habe Angst, dass du mich ablehnst, wenn ich dir sage, wie verletzt ich bin.“
Das ist wesentlich verletzlicher als ein ausführlich begründeter Vorwurf. Denn jetzt spricht sie auch über ihre Angst und ihre Sehnsucht nach Anerkennung.
Ob ihr Vater darauf verständnisvoll reagiert, ist offen. Vielleicht wird er wieder abwehrend. Vielleicht hört er diesmal zu.
Sie muss jedenfalls nicht mehr jedes Gefühl mit Argumenten absichern.
Das heißt allerdings auch, etwas auszuhalten, das sie bisher unbedingt vermeiden wollte: dass ihr Vater sie möglicherweise nicht so versteht, wie sie es sich wünscht.
Und das kann verdammt wehtun.
Wie kannst du das im Alltag verändern?
Du musst dafür nicht gleich das schwierigste Gespräch deines Lebens führen.
Beobachte zunächst, wann du anfängst, dich zu rechtfertigen. Häufig ist es genau der Moment, in dem jemand enttäuscht reagiert, deine Entscheidung kritisiert oder deine Gefühle infrage stellt.
Was befürchtest du, wenn du jetzt einfach nichts mehr erklärst? Dass der andere sauer bleibt? Dich egoistisch findet? Sich von dir zurückzieht?
Manchmal hilft es schon, genau diese Angst auszusprechen. Ein ehrliches „Ich merke gerade, dass ich Angst habe, dich zu enttäuschen“ erzählt oft mehr über das eigentliche Problem als fünf zusätzliche Argumente.
Du kannst auch damit anfangen, kleine Entscheidungen stehen zu lassen. Wenn du eine Einladung ablehnst, brauchst du nicht automatisch eine wasserdichte Begründung. Und wenn du einen Fehler gemacht hast, kannst du dich dafür entschuldigen, ohne anschließend zehn Minuten lang zu beweisen, dass du eigentlich ein guter Mensch bist.
Es wird Situationen geben, in denen du dich trotzdem wieder erklärst, obwohl du längst alles gesagt hast. Alte Gewohnheiten verschwinden schließlich nicht, nur weil man sie einmal verstanden hat.
Aber vielleicht bemerkst du irgendwann mitten im Gespräch, dass du gerade wieder um Verständnis kämpfst. Und stellst fest, dass du gar nichts mehr hinzufügen möchtest.
Der andere hat dich gehört. Was er daraus macht, liegt bei ihm.
Und du musst nicht den Rest des Abends damit verbringen, die perfekte Formulierung zu suchen.