Echte Fälle

Er war ihre Twin Flame. Davon war sie überzeugt. Nur er offenbar nicht.

Eine Frau mit dunklen Haaren, die ihr halb ins Gesicht fallen, schreit mit verzerrtem Gesicht in die Kamera

Als diese Frau damals im Rahmen meiner Praxistätigkeit zu mir kam, war sie völlig verzweifelt. Sie hatte während einer Kur einen Mann kennengelernt und war überzeugt, in ihm ihre große Liebe gefunden zu haben.

Aber für sie war es noch mehr als das. Dieser Mann war ihre Twin Flame, ihre sogenannte Zwillingsflamme. Zwei Seelen, die füreinander bestimmt waren. Daran hatte sie nicht den geringsten Zweifel.

Das Problem war nur: Der Mann hatte den Kontakt zu ihr abgebrochen.

Und trotzdem war sie sich sicher, dass er sie liebte.

Sie wollte die perfekte Frau für ihn werden

Sie war nicht zu mir gekommen, um mit der Zurückweisung umgehen zu lernen oder diesen Mann loszulassen. Sie hatte ein ganz anderes Ziel.

Ich sollte ihr helfen, eine bessere Frau zu werden. So gut, dass er irgendwann erkennen würde, dass sie die Richtige für ihn war. Dass sie mehr zu bieten hatte als seine Ehefrau.

Sie wollte diesen Mann auf keinen Fall aufgeben.

Hier war für mich allerdings eine klare Grenze erreicht. Ich konnte sie dabei unterstützen, sich mit ihren Gefühlen, Bedürfnissen und ihrem Selbstwert auseinanderzusetzen. Aber ich konnte nicht mit ihr daran arbeiten, einen verheirateten Mann dazu zu bringen, seine Frau zu verlassen. Seine Gefühle und Entscheidungen lagen schließlich nicht in unserer Hand.

Mich beschäftigte deshalb eine andere Frage:

Warum glaubte sie überhaupt, erst eine bessere Frau werden zu müssen, damit dieser Mann sie liebt?

Eine große Liebe mit einigen Ungereimtheiten

Sie erzählte mir von ihrer gemeinsamen Zeit in der Kur. Die beiden hatten sich gut verstanden, viel miteinander gesprochen und er schenkte ihr Aufmerksamkeit. Sie fühlte sich ihm außergewöhnlich nahe.

Er hatte ihr sogar seine Halskette und eine wertvolle Silbermünze geschenkt. Für sie waren das keine gewöhnlichen Geschenke. Sie bestätigten ihre besondere Verbindung.

Nach der Kur blieben sie über WhatsApp in Kontakt.

Während sie mir ihre Geschichte erzählte, entstand zunächst das Bild einer Frau, die sich Hals über Kopf verliebt hatte und nun unter einer komplizierten Beziehung litt.

Im weiteren Gespräch ergab sich allerdings ein ganz anderes Bild.

Zunächst erfuhr ich, dass der Mann verheiratet war.

Gut, auch verheiratete Menschen können sich verlieben. Das allein sagt also noch nicht viel über seine Gefühle aus.

Dann las sie mir ihre WhatsApp-Nachrichten vor.

Sie hatte ihm seitenlange Nachrichten geschrieben, voller Gefühle, Sehnsucht und persönlicher Gedanken. Seine Antworten waren dagegen auffallend kurz.

Ich konnte darin weder Liebeserklärungen noch eine erkennbare Sehnsucht nach ihr finden. Vielmehr entstand bei mir der Eindruck, dass er ihr gegenüber freundlich und mitfühlend gewesen war, mit der Zeit aber zunehmend überfordert reagierte.

Ob er tatsächlich Mitleid mit ihr hatte oder anfangs selbst eine gewisse Zuneigung empfand, konnte ich natürlich nicht wissen.

Im weiteren Gespräch klärten wir auch, wie viel körperliche Nähe es zwischen den beiden gegeben hatte.

Die beiden hatten sich nie geküsst. Sie waren sich auch sonst körperlich nicht nähergekommen. Es hatte lediglich eine freundschaftliche Umarmung gegeben.

Natürlich muss man sich nicht küssen, um verliebt zu sein. Aber weiterhin blieb die Frage offen, worauf ihre absolute Gewissheit beruhte, dass dieser Mann genauso für sie empfand.

Ein weiterer Umstand machte diese Frage umso wichtiger.

Er hatte sie blockiert. Für sie ein Zeichen seiner Liebe.

Der Mann hatte ihr ausdrücklich gesagt, dass er keinen Kontakt mehr zu ihr wolle. Er hatte ihr sogar geraten, sich Hilfe zu suchen.

Schließlich hatte er sie blockiert.

Es war nachvollziehbar, dass sie das verletzte. Schließlich hatte sie ihm sehr persönliche Dinge anvertraut und sich emotional weit geöffnet.

Entscheidend war allerdings, wie sie seinen Rückzug einordnete.

Sie war weiterhin felsenfest davon überzeugt, dass er sie liebte. Und sie hatte eine Erklärung dafür, warum er sich trotzdem so verhielt.

Diese Erklärung stammte aus der Welt der Twin Flames.

Wenn die Zurückweisung plötzlich zur Liebesgeschichte gehört

Nach der spirituellen Twin-Flame-Vorstellung gibt es zwei Menschen, deren Seelen auf besondere Weise miteinander verbunden sind. Ihre Begegnung gilt als schicksalhaft, ihre Verbindung als außergewöhnlich intensiv.

In vielen Beschreibungen spielt die sogenannte Runner-Chaser-Dynamik eine wichtige Rolle.

Einer der beiden, der „Runner“, läuft vor der Verbindung davon, weil ihn die Intensität seiner Gefühle überfordert. Der andere, der „Chaser“, spürt die Verbindung weiterhin und versucht, den Kontakt wiederherzustellen.

Genau darin erkannte meine Klientin ihre Geschichte wieder.

Dass der Mann sich zurückzog, bedeutete für sie nicht, dass er möglicherweise gar keine Beziehung wollte. Er lief vor seinen Gefühlen davon, weil die Verbindung zwischen ihnen so mächtig war.

Selbst dass er sie blockierte, passte in dieses Bild.

Die Halskette und die Silbermünze waren Zeichen seiner Liebe. Seine Aufmerksamkeit während der Kur ebenfalls. Und seine spätere Zurückweisung? Die gehörte eben zu dieser besonderen Verbindung dazu.

Damit wurde etwas möglich, das ich aus fachlicher Sicht problematisch fand:

Egal, wie dieser Mann sich verhielt, am Ende war es immer ein Beweis dafür, dass er sie liebte.

Wenn selbst ein ausdrückliches Nein als verstecktes Ja verstanden wird, gibt es kaum noch etwas, das diese Überzeugung erschüttern kann.

Während sie versuchte, seine angeblich verborgenen Gefühle zu verstehen, litt sie immer stärker unter einer Beziehung, die es in der Form, wie sie sie sich vorstellte, offenbar nie gegeben hatte.

War das überhaupt noch Liebe?

Im Mittelpunkt stand für mich vor allem, wie sehr diese Frau inzwischen unter ihren Gefühlen litt.

Sie konnte kaum noch an etwas anderes denken. Ihre Gedanken kreisten ständig um diesen Mann, seine Nachrichten, seine Geschenke und die Frage, wann sie endlich zusammenkommen würden.

Deshalb ließ ich sie einen Fragebogen bearbeiten, der typische Merkmale von Liebe und Limerence gegenüberstellte.

Limerence ist ein Begriff, den die Psychologin Dorothy Tennov geprägt hat (siehe Blogartikel). Er beschreibt eine besonders intensive romantische Fixierung auf einen Menschen, verbunden mit einer starken Sehnsucht danach, dass die eigenen Gefühle erwidert werden.

Wer in einem solchen Zustand steckt, kann sich gedanklich immer mehr in den anderen Menschen hineinsteigern. Eine freundliche Nachricht bekommt eine riesige Bedeutung, während eine ausbleibende Antwort Verzweiflung auslösen kann. Man sucht ständig nach Hinweisen darauf, was der andere empfindet, und verliert dabei zunehmend aus dem Blick, was tatsächlich zwischen beiden geschieht.

Das kann sich wie eine unglaublich tiefe Liebe anfühlen. Nur sagt die Intensität der eigenen Gefühle nichts darüber aus, ob der andere sie erwidert.

Die Schilderungen meiner Klientin passten in vielerlei Hinsicht zu Limerence. Es handelt sich dabei nicht um eine psychiatrische Diagnose, aber um eine Beschreibung, die ihr Erleben aus meiner Sicht sehr gut traf.

Ich erklärte ihr den Begriff und weshalb ich darin einen möglichen Schlüssel zu ihrem Leiden sah.

Sie konnte mit dieser Erklärung allerdings wenig anfangen.

Eine Erklärung, die sie nicht hören wollte

Für meine Klientin stand fest, dass sie diesem Mann aus einem besonderen Grund begegnet war. Ihre Verbindung ging für sie weit über eine gewöhnliche Verliebtheit hinaus.

Meine Erklärung, dass ihre intensive Sehnsucht möglicherweise mehr mit ihrer eigenen emotionalen Fixierung zu tun hatte als mit einer erwiderten Liebe, wollte sie nicht hören.

Sie wurde wütend auf mich und warf mir vor, dass ich sie nicht verstehen würde.

Ihre Reaktion ergab vor dem Hintergrund ihres ursprünglichen Anliegens durchaus Sinn. Sie hatte sich Unterstützung dabei erhofft, für diesen Mann die perfekte Partnerin zu werden. Stattdessen stellte ich ihre Vorstellung einer gegenseitigen Liebe infrage.

Ich konnte ihren Wunsch, geliebt zu werden, ernst nehmen. Aber ihre Gewissheit, dass dieser Mann sie liebte, konnte ich nicht bestätigen. Dafür gab es nach allem, was sie mir erzählt und gezeigt hatte, keine ausreichenden Anhaltspunkte.

Nach dieser Auseinandersetzung brach sie die Sitzungen ab. Sie kam nicht wieder.

Was mir von diesem Fall geblieben ist

Ich weiß nicht, wie ihre Geschichte weiterging. In Erinnerung geblieben ist mir eine Frau, die sehr einsam wirkte, wenig Selbstwertgefühl zu haben schien und sich verzweifelt nach Liebe sehnte.

Vielleicht hatte dieser Mann ihr während der Kur etwas gegeben, das ihr schon lange fehlte: Aufmerksamkeit, Nähe und das Gefühl, wichtig zu sein. Ob das tatsächlich dahintersteckte, konnten wir nicht mehr herausfinden.

Besonders beschäftigt hat mich ihr Wunsch, für ihn eine bessere Frau zu werden. Als wäre sie, so wie sie war, nicht gut genug.

Wer seinen eigenen Wert davon abhängig macht, von einem bestimmten Menschen geliebt zu werden, gibt diesem Menschen ungeheuer viel Macht über das eigene Leben.

Dabei geraten die eigenen Bedürfnisse aus dem Blick. Statt sich zu fragen, ob einem die Beziehung überhaupt guttut, überlegt man, wie man noch besser oder liebenswerter werden könnte.

Und irgendwann geht es auch um die eigene Würde. Wie viel Zurückweisung nehme ich in Kauf, nur weil ich unbedingt die Liebe eines Menschen gewinnen möchte?

Diese Frau wollte unbedingt von ihm gesehen werden. Dabei schien sie selbst kaum noch zu sehen, wie schlecht es ihr ging.

Wir können niemanden dazu bringen, uns zu lieben. Aber wir können entscheiden, wie lange wir unsere Würde missachten.

Coaching kennenlernen

Hinweis: Diese Fallgeschichte verbindet Erfahrungen aus meinen Coachingfällen. Persönliche Umstände wurden zum Schutz der Vertraulichkeit verändert und die Dialoge sinngemäß nachgestaltet.