Echte Fälle

„Ich möchte doch nur, dass mein Vater mich versteht.“

Vater mit Kind

Eine Klientin erzählt mir von einem Gespräch mit ihrem Vater. Ihre Eltern hatten sich getrennt, als sie noch klein war. Schon als Jugendliche fühlte sie sich mit ihren Problemen oft allein. Sie hätte sich gewünscht, dass ihr Vater mehr nachfragt, sich für ihre Gefühle interessiert und ihr einfach mal zuhört.

Jetzt versucht sie ihm zu erklären, warum sie sich ihm bis heute nicht besonders nahe fühlt.

Das Gespräch läuft allerdings anders als erhofft.

Tochter: „Manchmal hätte ich mir früher einfach gewünscht, dass du mehr nachfragst, wenn es mir nicht gut geht.“

Vater: „Ich habe mich doch immer um dich gekümmert. Glaubst du, für mich war damals alles einfach?“

Tochter: „Nein, das meine ich nicht. Ich weiß, dass du viel um die Ohren hattest. Mir ging es nur darum, dass ich mich mit manchen Dingen ziemlich allein gefühlt habe.“

Vater: „Ja, aber du tust gerade so, als hätte ich alles falsch gemacht.“

Tochter: „Das sage ich doch überhaupt nicht! Ich weiß doch, was du alles für mich getan hast. Ich wollte dir nur erklären, wie ich mich damals gefühlt habe.“

Die Klientin erzählt mir, dass solche Gespräche häufig ähnlich enden. Sie versucht, ihre Gefühle zu erklären, ihr Vater fühlt sich kritisiert, und irgendwann diskutieren beide darüber, wer was gesagt oder getan hat.

Am Ende ist sie enttäuscht und ärgert sich über sich selbst. Sie hatte sich vorgenommen, ruhig zu bleiben und sich nicht wieder in eine Diskussion verwickeln zu lassen.

Und trotzdem ist genau das passiert.

Der Moment, in dem das Gespräch kippt

Schauen wir uns an, was passiert ist.

Die Tochter erzählt ihrem Vater, dass sie sich früher manchmal allein gefühlt hat. Er antwortet, dass er sich doch immer um sie gekümmert habe.

Und sie? Sie erklärt sofort, dass sie seine Schwierigkeiten versteht.

Fällt dir auf, was hier fehlt? Niemand hat sie gefragt, wie es ihr damals ging.

Der Vater spricht darüber, was er alles getan hat. Die Tochter geht darauf ein, obwohl sie eigentlich über ihre eigenen Gefühle sprechen wollte.

Noch interessanter ist, was sie ihm anschließend versichert: dass er kein schlechter Vater gewesen sei.

Dabei hatte sie ihm das gar nicht vorgeworfen.

Warum verteidigt sie ihn also gegen einen Vorwurf, den sie selbst nie erhoben hat?

Im Coaching finden wir heraus, dass sie Angst hat, von ihrem Vater zurückgewiesen zu werden. Sie wünscht sich mehr Nähe und möchte diese nicht gefährden. Deshalb überlegt sie genau, wie sie etwas formuliert, erklärt lieber etwas zu viel und nimmt ihre Aussagen vorsichtshalber wieder ein Stück zurück.

Sie möchte ihrem Vater sagen, dass er sie verletzt hat, ohne dass er sich dadurch verletzt fühlt.

Eine schwierige Aufgabe. Vor allem, weil sie nicht entscheiden kann, wie er auf ihre Worte reagiert.

Und so passiert etwas Paradoxes: Während sie verzweifelt versucht, ihrem Vater ihre Gefühle verständlich zu machen, kümmert sie sich vor allem um seine.

Warum versucht sie es immer wieder?

Die Klientin kennt solche Gespräche. Sie weiß, wie schnell ihr Vater sich angegriffen fühlt. Trotzdem versucht sie immer wieder, ihm ihre Sichtweise zu erklären.

Was erhofft sie sich davon?

Sie möchte nicht einfach einen Streit gewinnen. Sie möchte, dass ihr Vater sie versteht, sich für sie interessiert und anerkennt, dass ihr früher etwas gefehlt hat.

Solange sie glaubt, nur die richtigen Worte finden zu müssen, kann sie auch hoffen, dass das nächste Gespräch besser verläuft.

Aber jedes Mal, wenn ihr Vater abwehrend reagiert, erlebt sie dieselbe Enttäuschung.

Sie sucht bei ihrem Vater nach dem Verständnis, dessen Fehlen sie so verletzt.

Dazu kommt noch etwas.

Wenn ihr Vater ihre Gefühle infrage stellt, beginnt sie auch selbst zu zweifeln. Ist sie vielleicht zu empfindlich? Undankbar? Hat sie ihm Unrecht getan?

Statt bei dem zu bleiben, was sie erlebt hat, überprüft sie ihre eigenen Gefühle anhand seiner Reaktion.

Dabei können zwei Menschen dieselbe Vergangenheit unterschiedlich in Erinnerung haben.

Vielleicht hat ihr Vater tatsächlich alles gegeben, was ihm damals möglich war. Vielleicht war er überzeugt, ein guter Vater zu sein. Trotzdem kann seiner Tochter etwas gefehlt haben.

Das eine macht das andere nicht falsch.

Aber genau diese Sicherheit fehlt ihr in den Gesprächen. Solange ihr Vater ihre Sichtweise nicht anerkennt, kommt auch sie selbst nicht richtig zur Ruhe.

Ein Gespräch, das anders verlaufen könnte

Wir gehen noch einmal zurück zu dem Moment, in dem sie anfängt, sich zu rechtfertigen.

Ich frage sie, was sie ihrem Vater sagen würde, wenn sie keine Angst vor seiner Reaktion hätte.

Sie müsste ihn dann nicht beruhigen, nicht von ihren guten Absichten überzeugen und auch nicht beweisen, dass er ein guter Vater war.

Wir probieren aus, wie sich das anhören könnte:

Tochter: „Ich weiß, dass du dein Bestes gegeben hast. Trotzdem habe ich mich damals manchmal allein gefühlt.“

Vater: „Aber du kannst doch nicht behaupten, dass ich mich nicht um dich gekümmert habe.“

Tochter: „Das behaupte ich auch nicht. Ich erzähle dir, wie ich mich damals gefühlt habe.“

Vater: „Also habe ich deiner Meinung nach alles falsch gemacht?“

Tochter: „Nein. Aber ich merke, dass wir gerade wieder darüber diskutieren, ob du ein guter Vater warst. Darum ging es mir eigentlich nicht.“

Sie bleibt diesmal bei dem, was sie sagen wollte.

Wir arbeiten dabei mit der Methode der radikalen Ehrlichkeit. Statt ihre Gefühle hinter langen Erklärungen zu verstecken, versucht sie, sie direkt auszusprechen.

Das kann auch bedeuten, ihrem Vater zu sagen:

Tochter: „Ich habe gerade Angst, dass du mich zurückweist, wenn ich dir sage, was mich verletzt hat.“

Natürlich kann ihr Vater auch darauf abweisend reagieren. Vielleicht ärgert er sich sogar.

Doch das Ziel ist nicht, ihn mit besonders ehrlichen Worten doch noch zum Verständnis zu bewegen.

Die Klientin soll sagen können, was sie wirklich empfindet, ohne sich dabei ständig zu überlegen, welche Reaktion sie damit auslösen könnte.

Und sie soll merken, wann sie ein Gespräch nicht mehr weiterführen möchte.

„Dann gebe ich eben auf.“

Nach einem weiteren Gespräch mit ihrem Vater sagt die Klientin, sie wolle jetzt aufgeben. Sie könne ihn schließlich nicht verändern und müsse lernen, ihn so zu akzeptieren, wie er ist.

Eigentlich klingt das vernünftig.

Aber ich frage sie, was sie mit aufgeben meint.

Hat sie wirklich akzeptiert, dass ihr Vater manche Dinge anders sieht? Oder ist sie einfach müde davon, immer wieder enttäuscht zu werden?

Sie wünscht sich noch immer, dass ihr Vater sie endlich versteht. Aber sie glaubt nicht mehr daran, dass es passieren wird.

Dahinter steckt Resignation, keine Akzeptanz.

Und das merkt man spätestens beim nächsten Streit. Ein Vorwurf, ein abwertender Kommentar, und die alten Gefühle sind sofort wieder da.

Wer etwas akzeptiert, muss es deshalb noch lange nicht gut finden. Die Klientin darf traurig oder wütend sein, wenn ihr Vater sie nicht versteht. Sie darf sich weiterhin eine engere Beziehung wünschen.

Nur möchte sie lernen, ihr eigenes Wohlbefinden nicht mehr so stark davon abhängig zu machen, ob er ihr diesen Wunsch erfüllt.

Was sich für sie ändern soll

Im Coaching beschäftigen wir uns deshalb nicht nur damit, was sie ihrem Vater beim nächsten Streit sagen könnte.

Wir schauen vor allem auf den Moment, in dem sie Angst bekommt, ihn zu enttäuschen oder zurückgewiesen zu werden. Genau dann beginnt sie, ihre Gefühle abzuschwächen und sich zu rechtfertigen.

Diesen Moment soll sie künftig früher erkennen.

Sie möchte ihrem Vater sagen können, was sie denkt, ohne hinterher stundenlang zu überlegen, ob sie etwas falsch gemacht hat. Sie möchte sich nicht mehr für jedes Gefühl rechtfertigen müssen und auch nicht für jede Enttäuschung ihres Vaters verantwortlich fühlen.

Dabei geht es auch um Schuldgefühle. Hat sie ihm wirklich Unrecht getan? Oder fühlt sie sich nur schuldig, weil er mit ihrer Meinung nicht einverstanden ist?

Das zu unterscheiden, ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit.

Und dann ist da noch ihr Wunsch nach einer guten Beziehung.

Sie möchte ihren Vater weiterhin sehen, Zeit mit ihm verbringen und möglichst wenig streiten. Wir schauen deshalb auch, was zwischen ihnen gut funktioniert und welche Erwartungen immer wieder zu Enttäuschungen führen.

Vielleicht wird ihr Vater irgendwann offener für ihre Gefühle. Vielleicht wird er sich in manchen Dingen nie ändern.

Aber sie kann lernen, damit anders umzugehen. Sie kann ein Gespräch beenden, wenn es ihr nicht gut tut, ohne sich danach wie eine schlechte Tochter zu fühlen. Sie kann seine Meinung stehen lassen, ohne sofort an sich selbst zu zweifeln.

Und sie kann schöne Momente mit ihm verbringen, auch wenn zwischen ihnen nicht alles geklärt ist.

Am Anfang wollte sie ihrem Vater erzählen, wie allein sie sich früher manchmal gefühlt hatte. Wenige Minuten später war sie damit beschäftigt, ihn davon zu überzeugen, dass er ein guter Vater ist.

Genau das soll sich ändern: Sie möchte endlich über ihre eigenen Gefühle sprechen können, ohne jedes Mal die ihres Vaters in Ordnung bringen zu müssen.