„Ich schaff das nicht mehr.“ Das höre ich von Müttern ziemlich oft.
Nicht unbedingt von Frauen, bei denen gerade etwas Schlimmes passiert ist. Sondern von Frauen mit einem ganz normalen Familienalltag. Kinder, Partner, Arbeit, Haushalt, Termine. Von außen sieht häufig alles völlig in Ordnung aus.
Sie selbst fühlen sich aber überhaupt nicht in Ordnung.
Sie sind müde, genervt, schnell gereizt. Sie haben kaum noch Geduld und manchmal möchten sie einfach nur, dass für ein paar Stunden niemand etwas von ihnen will.
Vor allem fühlen sie sich nicht gesehen.
Sie kümmern sich um alle, wissen, was die Kinder brauchen, denken an Termine, hören zu, organisieren und versuchen, den Laden irgendwie am Laufen zu halten. Aber wer sieht eigentlich, wie es ihnen geht?
Manche erzählen mir, dass sie versucht haben, mit ihrem Partner darüber zu sprechen. Dass sie gesagt haben: „Mir ist das alles zu viel.“ Trotzdem ändert sich wenig. Meistens kommt ein gut gemeintes: „Dann sag mir doch, was ich machen soll.“
Auch das kann irgendwann richtig nerven. Denn dann muss sie schon wieder überlegen, was gemacht werden muss, es erklären und anschließend im Kopf behalten, ob es tatsächlich gemacht wird.
Das ist keine Entlastung, das ist eine weitere Aufgabe.
„So habe ich mir das nicht vorgestellt.“
Auch diesen Satz höre ich öfter.
Viele Frauen haben sich auf das Muttersein gefreut. Manche hatten sogar die Vorstellung, dass eine eigene Familie genau das ist, was ihnen bisher im Leben gefehlt hat. Sie wollten Kinder, wollten gebraucht werden, wollten dieses Gefühl von Familie und Zusammengehörigkeit.
Dann ist das Kind da und natürlich gibt es diese schönen Momente, aber da ist eben auch der Rest.
Der Schlafmangel. Die Verantwortung. Das ständige Unterbrochenwerden. Die fehlende Freiheit. Die Diskussionen. Die Sorgen. Ein Kind, das ausgerechnet dann krank wird, wenn bei der Arbeit sowieso schon alles brennt. Eine Partnerschaft, in der plötzlich hauptsächlich darüber gesprochen wird, wer morgen wann welches Kind wohin bringt.
Und dann kommt die Erkenntnis: Ich liebe mein Kind. Aber Muttersein erfüllt mich nicht so, wie ich gedacht habe.
Das kann ganz schön wehtun. Vor allem, wenn man vorher jahrelang geglaubt hat: Wenn ich erst eine Familie habe, erfüllt mich das.
Es wird wenig darüber gesprochen, dass beides gleichzeitig stimmen kann. Du kannst dein Kind lieben und Teile deines Lebens vor den Kindern vermissen. Du kannst gerne Mutter sein und trotzdem manchmal keinen Bock mehr darauf haben, für alles zuständig zu sein. Du kannst dankbar für deine Familie sein und dein Familienalltag kann dich trotzdem gerade völlig fertigmachen.
Das eine macht das andere nicht weniger wahr.
Die Belastung von Müttern hat tatsächlich zugenommen
Dass so viele Frauen erschöpft sind, ist nicht nur mein Eindruck aus meiner Arbeit.
Eine große US-amerikanische Langzeitstudie hat die Angaben von fast 200.000 Müttern zwischen 2016 und 2023 ausgewertet. 2016 bezeichneten noch 38,4 Prozent ihre psychische Gesundheit als ausgezeichnet. 2023 waren es nur noch 25,8 Prozent.
Gleichzeitig nahm der Anteil der Mütter zu, die ihre psychische Gesundheit als mittelmäßig oder schlecht einschätzten. Diese Entwicklung hatte schon vor Corona begonnen und zeigte sich über verschiedene soziale und wirtschaftliche Gruppen hinweg.
Auch deutsche Zahlen passen dazu. In einer repräsentativen Befragung von Eltern mit minderjährigen Kindern gaben 62 Prozent der Mütter an, sich stark belastet zu fühlen. Bei den Vätern waren es 31 Prozent.
Es geht also nicht darum, dass die heutige Generation von Müttern plötzlich weniger belastbar wäre. Die Bedingungen haben sich verändert.
Mutter sein reicht heute nicht mehr
Die Ansprüche an Mütter haben sich verändert.
Ein Kind soll nicht einfach satt, sauber und einigermaßen glücklich groß werden.
Heute wissen wir viel mehr über Bindung, kindliche Entwicklung, Ernährung, Förderung und die Auswirkungen unseres Verhaltens auf Kinder. Vieles davon ist wichtig und gut.
Es hat aber auch eine Kehrseite. Denn mit all diesem Wissen wächst die Verantwortung.
Du sollst nicht einfach auf dein Kind reagieren. Du sollst möglichst verstehen, welches Bedürfnis hinter seinem Verhalten steckt. Du sollst Grenzen setzen, aber liebevoll. Konsequent sein, aber nicht autoritär. Dein Kind fördern, aber keinen Leistungsdruck aufbauen. Auf seine Gefühle eingehen und gleichzeitig deine eigenen regulieren.
Und wehe, du schreist doch mal.
Dann liegst du abends im Bett und denkst darüber nach, ob du deinem Kind gerade irgendeinen Schaden fürs Leben zugefügt hast.
In der Forschung gibt es für diese Entwicklung einen Begriff: „Intensive Mothering“. Gemeint ist ein Mutterbild, bei dem von Müttern erwartet wird, in besonderem Maße für die emotionale, soziale, kognitive und körperliche Entwicklung ihres Kindes verantwortlich zu sein. Die Bedürfnisse des Kindes sollen dabei häufig Vorrang vor den eigenen haben. Viele Mütter übernehmen diesen Anspruch irgendwann selbst und haben das Gefühl, für nahezu alles verantwortlich zu sein, was ihr Kind betrifft.
Untersuchungen bringen solche hohen Erziehungsideale mit mehr Stress, Erschöpfung, Angst und Schuldgefühlen bei Müttern in Verbindung. Interessanterweise kann dieser Druck auch Frauen treffen, die selbst gar nicht davon überzeugt sind, dass eine Mutter perfekt sein muss.
Man lebt schließlich nicht außerhalb der Gesellschaft, nur weil man ihre Erwartungen bescheuert findet.
Du kannst dir hundertmal sagen, dass dein Kind keinen pädagogisch wertvollen Nachmittag braucht. Wenn um dich herum ständig vermittelt wird, was eine „gute Mutter“ alles tun, wissen und beachten sollte, macht das trotzdem etwas mit dir.
Und das darf einen übrigens auch einfach mal ankotzen.
Es sind nicht nur die Aufgaben. Es ist das ständige Denken.
Natürlich kann man Hausarbeit aufteilen.
Du wäschst, ich putze. Du bringst die Kinder morgens, ich hole sie nachmittags. Auf dem Papier kann das sogar relativ gerecht aussehen.
Nur besteht Familienorganisation nicht ausschließlich aus sichtbaren Aufgaben.
Jemand muss merken, dass die Turnschuhe zu klein geworden sind. Wissen, wann der nächste Elternabend ist. Daran denken, dass für den Kindergeburtstag am Samstag noch ein Geschenk fehlt. Einen Zahnarzttermin vereinbaren. Wissen, welche Freundin gerade Streit mit der Tochter hat und warum sie deshalb seit drei Tagen so komisch drauf ist.
Diese Dinge laufen im Kopf weiter, während man etwas völlig anderes macht.
Genau das ist Mental Load.
In einer deutschen Befragung gaben 90 Prozent der Mütter an, Arzttermine überwiegend oder ausschließlich zu organisieren. Bei Kindergeburtstagen waren es 89 Prozent. Wäsche lag bei 81 Prozent überwiegend oder ausschließlich bei den Müttern, Putzen bei 69 Prozent.
Das erklärt auch, warum „Du hättest doch einfach etwas sagen können“ irgendwann richtig sauer machen kann.
Hilfe kann erstaunlich anstrengend sein
Da ist endlich jemand bereit, das Kind für ein paar Stunden zu nehmen – und trotzdem fühlt sich die Mutter danach nicht unbedingt besser.
Die Großeltern übernehmen das Kind, halten sich aber nicht an Absprachen. Statt die freie Zeit zu genießen, kreisen die Gedanken darum, was gerade passiert.
Oder die Hilfe hat einen Preis, über den vorher niemand gesprochen hat. Hinterher wird erwartet, dass man besonders dankbar ist, sich häufiger meldet, am Wochenende mitkommt oder bei nächster Gelegenheit etwas zurückgibt.
Nur hat diese Frau gerade überhaupt nichts mehr zu geben.
Hilfe entlastet nicht automatisch, nur weil jemand sie Hilfe nennt. Wenn ich sie vorher organisieren muss, währenddessen nicht abschalten kann und hinterher das Gefühl habe, etwas schuldig zu sein, hat sie ihren Zweck ziemlich verfehlt.
Unterstützung sollte Arbeit und Verantwortung abnehmen. Sie sollte nicht drei neue Probleme produzieren.
„Mach doch mal wieder etwas für dich.“
Noch so ein Satz.
Was denn?
Diese Frage können manche Frauen irgendwann tatsächlich nicht mehr beantworten.
Was hast du früher gerne gemacht? Keine Ahnung. Worauf hast du Lust? Keine Ahnung. Was würdest du machen, wenn du morgen vier Stunden nur für dich hättest? Erst mal schlafen.
Und dann kommen die gut gemeinten Tipps: Nimm dir kleine Auszeiten. Mach etwas nur für dich. Bau bewusst Pausen in deinen Alltag ein.
Klingt in der Theorie super. Blöd nur, wenn die Realität nicht mitmacht.
Denn auch eine Auszeit muss irgendwo in diesen Alltag passen. Wenn niemand das Kind übernimmt, die Arbeit trotzdem erledigt werden muss und zu Hause schon die nächsten Aufgaben warten, kann eine Mutter nicht einfach beschließen, ab jetzt mehr Zeit für sich zu haben.
Und nein, ein Schaumbad löst keinen Mental Load.
Manche Frauen wissen durchaus noch, was ihnen Spaß macht. Sie würden gerne wieder Sport machen, mit einer Freundin essen gehen, lesen, reisen, malen oder einfach alleine durch die Stadt laufen.
Sie haben nur keine Zeit dafür.
Bei anderen ist über die Jahre tatsächlich etwas verloren gegangen. Sie haben so lange danach geschaut, was die Kinder brauchen, was der Partner braucht und was gerade erledigt werden muss, dass die eigenen Wünsche kaum noch vorkommen.
Irgendwann ist dann nicht nur die Zeit für die eigenen Interessen weg. Man weiß teilweise wirklich nicht mehr, was einem eigentlich Spaß macht.
Es geht auch nicht darum, jetzt an allem den anderen die Schuld zu geben
Natürlich gibt es Dinge, die sich nicht ändern lassen.
Kinder brauchen Betreuung. Ein Zweijähriger wird nicht plötzlich selbstständig seine Wäsche waschen, nur weil Mama Mental Load hat. Manche Lebensphasen sind einfach verdammt anstrengend.
Aber zwischen „Das gehört gerade zu meinem Leben“ und „Ich muss deshalb alles aushalten“ liegt ein großer Unterschied.
Es lohnt sich deshalb, nüchtern hinzuschauen, was im eigenen Alltag eigentlich passiert.
Was kostet mich tatsächlich so viel Kraft? Welche Aufgaben kann nur ich übernehmen und welche habe ich einfach irgendwann übernommen? Was könnte mein Partner komplett übernehmen, ohne dass ich weiterhin die Projektleitung dafür spiele?
Auch Unterstützung darf man sich genauer ansehen. Was hilft mir wirklich? Und was wird zwar als Hilfe bezeichnet, kostet mich aber am Ende mehr Kraft, als es mir abnimmt?
Genauso wichtig sind die eigenen Ansprüche. Nicht jede Belastung kommt von außen. Manche Frauen verlangen selbst unglaublich viel von sich. Sie wollen es allen recht machen, niemanden enttäuschen, alles im Griff haben und haben sofort ein schlechtes Gewissen, sobald sie ihre eigenen Bedürfnisse wichtiger nehmen.
Das einfach mit „Dann lass doch mal los“ zu beantworten, bringt allerdings herzlich wenig.
Interessanter ist herauszufinden, warum es so schwer fällt, etwas abzugeben, Nein zu sagen oder auszuhalten, dass jemand mit der eigenen Entscheidung vielleicht nicht glücklich ist.
Nicht alles davon lässt sich sofort ändern. Aber es ist ein Unterschied, ob ich nur noch denke „Mein ganzes Leben ist mir zu viel“ oder ob ich langsam verstehe, was genau mich jeden Tag so viel Kraft kostet.
Ein freier Nachmittag tut gut. Aber er löst das eigentliche Problem nicht.
Natürlich kann ein Nachmittag alleine gut tun.
Vielleicht schläft man. Vielleicht sitzt man zwei Stunden mit einer Freundin im Café. Vielleicht macht man einfach gar nichts und findet genau das großartig.
Nur kommt danach der Alltag wieder.
Wenn eine Frau seit Jahren für fast alles verantwortlich ist, sich von ihrem Partner nicht gehört fühlt, kaum verlässliche Unterstützung bekommt und selbst nicht mehr weiß, was sie außer Mutter eigentlich noch sein möchte, lösen drei freie Stunden das Problem nicht.
Dann muss man an die Dinge ran, die im Alltag immer wieder dafür sorgen, dass sie am Ende ihrer Kräfte ist.
Das kann ganz praktisch eine andere Aufteilung von Verantwortung sein. Nicht „Hilfst du mir bitte mehr?“, sondern klare Zuständigkeiten, komplette Prozesse abgeben.
Es kann bedeuten, endlich auszusprechen, was einen seit Monaten ankotzt, statt weiter zu hoffen, dass der andere es irgendwann von selbst merkt.
Es kann um Grenzen gehen. Um Schuldgefühle. Um den eigenen Anspruch, alles richtig machen zu müssen. Oder um eine Partnerschaft, in der man schon lange das Gefühl hat, nur noch zu funktionieren und die eigenen Bedürfnissen kaum noch vorkommen.
Und manchmal merkt eine Frau dabei, dass sie gar nicht genau weiß, wie ihr eigenes Leben eigentlich aussehen soll.
Nicht das Leben ihrer Kinder. Nicht das Familienleben. Ihr eigenes.
Darauf muss man nicht sofort eine tolle Antwort haben. Manchmal ist die erste ehrliche Antwort schlicht:
„Keine Ahnung. Ich weiß gerade überhaupt nicht mehr, was ich will.“
Das ist kein besonders schöner Schlusssatz. Aber vielleicht ein ziemlich guter Anfang.