Wenn Angst kein Zufall ist: Was dein Selbstwertgefühl wirklich damit zu tun hat
Viele Frauen spüren oft eine diffuse Angst und Unsicherheit, ohne genau zu wissen warum. Kein offensichtlicher Auslöser, kein konkreter Grund – und trotzdem ist sie da. Was dahintersteckt, hat fast immer mit dem Selbstwert zu tun.
Wenn Frauen zu mir ins Coaching kommen und von ihrer Angst erzählen, sagen sie fast alle irgendwann denselben Satz: "Ich weiß eigentlich nicht, warum ich so bin. Es gibt keinen richtigen Grund dafür."
Und ich glaube ihnen. Weil es stimmt – zumindest auf den ersten Blick.
Es gibt keinen offensichtlichen Auslöser. Keine Katastrophe, kein Trauma, das sich benennen ließe, kein Ereignis, auf das man zeigen und sagen könnte: da, das war es. Und trotzdem ist die Angst da. Dieses leise, permanente Rauschen im Hintergrund, das nie ganz aufhört. Ein Engegefühl in der Brust, das morgens schon da ist, bevor der Tag überhaupt angefangen hat.
Was ich in meiner Arbeit immer wieder erlebe: Dieses Gefühl ist keine Schwäche. Es ist ein Signal. Und es hat fast immer etwas damit zu tun, was eine Frau tief innen über sich selbst glaubt.
Selbstwert und Selbstvertrauen – zwei Dinge, die wir ständig verwechseln
Wenn ich mit Frauen über Selbstwert spreche, merke ich oft, dass sie das Wort anders verstehen als ich es meine. Selbstwert klingt nach Auftreten. Nach Stärke. Danach, ob jemand laut ist oder leise, ob sie sich traut Grenzen zu setzen oder ihre Meinung zu sagen.
Aber das ist Selbstvertrauen. Und das ist etwas anderes.
Selbstvertrauen ist die Überzeugung: Ich kann das. Ich habe die Fähigkeit, mit dieser Situation umzugehen. Selbstwert ist stiller, tiefer und viel grundlegender: die Überzeugung, dass ich es wert bin, dass ich liebenswert bin, so wie ich bin – nicht weil ich etwas leiste, nicht weil ich niemanden enttäusche, nicht weil ich gebraucht werde, sondern einfach so.
Viele Frauen, die zu mir kommen, haben durchaus Selbstvertrauen. Sie funktionieren, sie organisieren, sie halten Dinge zusammen, die andere nicht mal sehen. Aber darunter läuft etwas anderes ab: Ich bin nur in Ordnung, solange ich nicht zu viel bin. Solange ich nicht enttäusche. Solange ich nützlich bin.
Und das Nervensystem hört das. Auch wenn der Kopf längst gelernt hat, darüber hinwegzusehen.
Warum niedriger Selbstwert Angst nicht nur begleitet, sondern aktiv erzeugt
Die britische Ärztin Claire Weekes hat in ihrer Arbeit über Angst etwas beschrieben, das mich bis heute begleitet: Angst entsteht nicht aus dem Nichts. Sie entsteht aus einem ganz bestimmten Verhältnis zu sich selbst – aus dem tiefen, oft unbewussten Gefühl, den Anforderungen des Lebens nicht wirklich gewachsen zu sein.
Das ist der Kern.
Wer sich selbst nicht als stabil genug erlebt – als jemanden, der mit Fehlern, mit Ablehnung, mit dem Unerwarteten irgendwie umgehen kann – der braucht Kontrolle, um sich sicher zu fühlen. Kontrolle über die Zukunft, über das, was andere denken, über alles, was schiefgehen könnte. Und weil echte Kontrolle nie vollständig möglich ist, entsteht Angst – nicht als Einbildung, nicht als Überreaktion, sondern als logische Konsequenz einer Grundüberzeugung, die so tief sitzt, dass sie sich gar nicht mehr wie eine Überzeugung anfühlt: Wenn etwas passiert, bin ich nicht fähig damit umzugehen.
Im Alltag sieht das zum Beispiel so aus: Du machst dir Sorgen über Dinge, die noch gar nicht eingetreten sind. Du läufst innerlich Szenarien durch, überlegst was jemand gedacht haben könnte, was morgen schiefgehen könnte, wie du reagieren würdest wenn. Du passt dich an, bevor du überhaupt weißt, was die andere Person erwartet – weil dein System irgendwann gelernt hat: Wenn ich mich anpasse, bin ich sicher. Wenn ich auffalle, riskiere ich etwas.
Das war irgendwann keine Schwäche. Das war eine sinnvolle Strategie. Vielleicht sogar eine überlebensnotwendige. Und sie hat sich so tief eingegraben, dass du sie heute kaum noch als Strategie erkennst – sie fühlt sich einfach an wie du.
Wenn der Körper anfängt zu reden: Panikattacken ohne erkennbaren Grund
Panikattacken sind das, worüber Frauen am schwersten sprechen – weil sie sich so unerklärlich anfühlen und sie sich dafür schämen. Herzrasen, Engegefühl, das Gefühl zu sterben oder verrückt zu werden, und dabei kein einziger konkreter Grund. Kein Auslöser. Nichts, worauf man zeigen könnte.
Das macht sie so erschreckend. Und das macht die Angst vor der nächsten Panikattacke oft größer als die Attacke selbst.
Aber der Körper erfindet nichts. Er verarbeitet nur auf seine eigene Weise, was die Psyche lange nicht verarbeiten konnte oder durfte.
Was passiert, wenn eine Frau über Jahre hinweg ihre eigenen Bedürfnisse immer wieder nach hinten stellt, Grenzen übergeht, sich anpasst und funktioniert – ohne je wirklich inne zuhalten und zu fragen, was sie selbst braucht? Das Nervensystem lebt in einem Zustand chronischer innerer Anspannung, der von außen unsichtbar ist, weil ja alles funktioniert. Aber innen läuft es auf Reserve. Manchmal auf Hochtouren. Und irgendwann reicht ein kleiner Reiz – ein Satz, ein Blick, eine scheinbar harmlose Situation – und das System schlägt Alarm.
Gabor Maté, der sich intensiv damit beschäftigt hat, wie unterdrückte Emotionen im Körper gespeichert werden, beschreibt es so: Der Körper hält fest, was die Psyche nicht verarbeiten konnte. Panikattacken ohne erkennbaren Auslöser sind deshalb selten das eigentliche Problem – sie sind das Signal, dass etwas darunter schon lange wartet, gehört zu werden.
Die Frage, die ich dir mitgeben möchte
Angst ist fast nie das eigentliche Problem. Sie ist ein Hinweis. Ein Wegweiser zu etwas, das tiefer liegt – zu einer Überzeugung, die so lange da ist, dass sie sich nicht mehr wie eine Überzeugung anfühlt, sondern wie die Wahrheit: Ich bin nicht genug.
Und von dort aus lässt sich wirklich arbeiten. Nicht mit positiven Affirmationen, nicht damit, dir täglich einzureden, dass du stark und wertvoll bist, solange du es innerlich nicht glaubst. Sondern mit dem ehrlichen, manchmal unbequemen Hinschauen: Wo passe ich mich an, weil ich Ablehnung fürchte? Wo gebe ich mehr, als mir gut tut? Wo habe ich irgendwann aufgehört zu fragen, was ich eigentlich will?
Ein erster konkreter Schritt ist zu verstehen, wo du gerade stehst – nicht theoretisch, sondern ganz konkret, in deinem Alltag, in deinen Entscheidungen, in dem was du dir erlaubst und was nicht.
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